Elstra, ein lehrreiches Beispiel aus der Legalize-Praxis

In Sachsen in der westlausitzer Gemeinde Elstra entsteht gerade ein kleiner Bikepark. In rund einem Jahr ist das Projekt weit gekommen. Die DIMB Legalize Abteilung bringt sich als Ratgeber in das Projekt ein. Beispielhaft kommen immer wieder neue Fragestellungen zu Tage, aber vor allem werden uns viele Erfahrungen bestätigt, obwohl das Projekt ganz anders ins Rollen kam als die meisten, die bei uns Beratungsanfragen stellen.

Strecken anlegen, Bauprojekte und Strategien haben viel gemeinsam mit dem Fahren eines Mountainbikes. Geht der Blick zu kurz vor das Vorderrad, wird es stressig. Wer vorausblickt, fährt besser. Das Problem bei Legalize Projekten ist immer wieder, einen ohne Mühe verfolgbaren Strategie-Singletrail gibt es nicht. Mal verzweigt sich der Weg, mal führt er in dichtes Gestrüpp aus unklaren Zuständigkeiten. Der Blick voraus irrt dann herum. Es braucht also guten Überblick, um den schnellsten, effektivsten Weg zum Ziel „Gravity-MTB-Strecken" zu finden. Einmal auf dem Weg, haben selbst die gegen Stress resistentesten Köpfe Mühe, die Übersicht zu behalten. Hindernisse erwarten zwar alle, aber es kommt ja doch immer anders. Oft genug kommt dann der Zeitpunkt sich einen zweiten Blickwinkel, eine Aussensicht zu einzuholen.

Diesen wünschte sich auch Robin Klinkert. Der ehemalige Downhillrennfahrer, in den Neunzigern als Junior auch mal Teil der Nationalmannschaft, hat das Projekt in Elstra angeschoben und er hatte sich durch den Paragraphenwald aus eigener Kraft weit vorgekämpft, bevor wir ins Gespräch kamen.

Das Projekt begann mit einem leeren Blatt Papier und einer persönlichen Vision. Anfangs stand kein Ort fest, kein Verein. Aber es gab ein klares Ziel. Ein downhilltauglicher Bikepark mit Aufstiegshilfe in der näheren Umgebung Dresdens. Mindestens ein Arbeitsplatz soll entstehen, ein großer Faktor und eine Motivationskern. Ergo war als erstes eine Liftanlage zu finden. 107 Schlepplifte und nur sieben Schwebebahnen gibt es in Sachsen. Der Schlepplift von Elstra ist einer der Unbekannteren, schon allein weil er in den letzten zwei Jahren mangels Schnee nicht in Betrieb war. Aber einige Fakten sprachen dafür, dass er sich für ein MTB-Projekt eignet: er liegt nur 10 Minuten von der Autobahn entfernt und 35 Minuten sind es bis zum Zentrum der Stadt mit rund 515000 Einwohnern. Damit ist die Anfahrt sogar etwas schneller als von Nürnberg zum Bikepark Osternohe. Dieser kleine Park ist in vielerlei Hinsicht ein gutes Orientierungsobjekt. Hier wie da sind rund 130 Meter Höhendifferenz nicht üppig, aber ausreichend, zumal die Topografie sich abwechslungsreich gibt: vom Liftende in Elstra fällt das Gelände in drei Himmelsrichtungen und unterschiedlichen Steilheitsgraden ab. Die Höhenlage um 400 Meter verspricht eine lange schneefreie Nutzungsphase. Der Hauptgewinn war aber, Liftanlage und Wald gehören der Gemeinde Elstra. Aus DIMB Erfahrung sind kommunale Partner für MTB-Streckenprojekte die Erfolgversprechendsten!

Der angestrebten Nutzung grundsätzlich widersprechende Schutzgebiete gibt es nicht. Ideal, wenn der Ausgangspunkt in so einen kurzen Satz abzuhandeln ist. Es gibt aber ein Landschaftsschutzgebiet und daraus werden später auf Auflagen resultierten. Allerdings heißt das nicht, dass Umweltbelange nur eine Pflichtrolle spielen. Im Gegenteil, der Anspruch der Projektbetreiber war von Beginn das Thema aktiv anzugehen.

Die Skiabteilung des örtlichen Sportvereins, die den Lift und Skihang in den 70ern mit viel Eigenregie errichteten, haben die Nutzungshoheit und wichtige Ansprechpartner zeigen sich sofort interessiert an der Idee. Vereinsarbeit ohne Schnee ist, gerade mit dem Nachwuchs, schwierig. Die verwandte Sommersportart wurde als spannende Alternative erkannt.

Die Region der Westlausitz zwischen Kamenz, Bautzen und Dresden sieht sich wie viele andere mit den üblichen ländlichen Problemen konfrontiert. Das Durchschnittsalter steigt, Jugend wandert ab, allen voran die Erfolgreichen, die Opinionleader und Idole. Das aber spannende Angebote auch Halt bieten können und Heimat darstellen, zeigt sich auch. Wenige Kilometer weiter arbeitet der Motocrossclub Jauer sehr erfolgreich. Er richtet ein europaweit bekanntes Rennen aus und stiftet so einen coolen Identifikationspunkt für die Region.

Die freundliche Ausgangslage brachte für das Projekt etwas mit sich, dass einen wesentlichen Erfolgsfaktor darstellt – kleine Kreise, kurze Wege und ein kommunales Verantwortungsgefühl. Im Zentrum ein zielstrebiger Initiator, der in der Phase der Anfragen und Genehmigungen jegliche Öffentlichkeit vermied. Wo nichts spruchreif ist, stellt eine öffentliche Debatte keinen Gewinn dar. Sie lenkt ab von der klaren Formulierung der Anfragen beispielsweise um vorrangige Mitbenutzung beim Forst, vom Erstellen eines Nutzungskonzeptes für den Lift, von der Diskussion um Pachtbedingungen und von der Klärung der Frage, ob ein Bauantrag nötig wird oder welche Ausgleichsmassnahmen. Erst als klar war, es kann etwas werden, wurde das Gespräch mit Nachbarn gesucht, denn erst dann konnten alle Fragen auch beantwortet werden. Auch die der zunächst skeptisch auftretenden Jägerschaft.

Die Interessenten oder Stakeholder wollen ja wissen: „Wie kann das aussehen, was ihr da plant?" Zu frühe Öffentlichkeitsarbeit ist aber meist geprägt von Problemstellungen, Variablen und Unsicherheitsfaktoren. Wir-wollen! als Aussage wird eine andere Diskussion hervorbringen als ein Wir-können! Auftritt.

Was ist möglich?

Parallel zur Klärung der rechtlichen und strukturellen Seite laufen weitere Prozesse, der Wichtigste ist die Suche nach den Korridoren, in den ansprechende Strecken entstehen können. Eminent wichtig dafür: Vor Ort Termine mit Forstmitarbeitern zur Klärung der, zur Freude aller sehr abwechslungsreichen, Biotop-Situation und der Waldentwicklungsziele, gerade an den von Windbruch betroffenen Stellen. Die Ideen für das kleine Streckennetz werden detaillierter. Rund neun Monate nach der ersten Begutachtung des Areals ist das Baby reif. Die Genehmigungen werden erteilt, der Baubeginn kann erfolgen und wird ohne Tamtam absolviert.

Wo und was gebaut werden soll hat im Prozess eine Rolle gespielt, aber auch wie und womit. Das ist auch relevant für die Begleitung durch die DIMB. Denn das Projekt hat nur kleine Budgets und ist damit sehr gut vergleichbar mit vielen Anfragen, die uns vor allem von jungen Bikern erreichen. Wir alle wissen, welches Spaßpotential Strecken haben können, die mit gutem Auge ins Gelände gelegt und die mit den Aufwand und den Natureingriff minimierenden Bauweisen entstanden. Leider kommt ja dieser positive Ansatz bei vielen Minibudget-Bauprojekten, die öffentlich diskutiert werden, gar nicht zur Sprache, weil sie einen entscheidenden Fehler haben. Sie sind illegal oder nur mit einer wagen Duldung errichtet worden und irgendwann kneift dieses Situation zurück. Legalisierungen werden dann echt schwer! Trotzdem haben viele dieser Trails aber nüchtern betrachtet einen hohen Spaßfaktor generiert, bei minimalen Pflege- und Materialaufwand und bei geringen baulichen Eingriffen.

In Elstra will man sich einer ähnlich naturnahen Bauweise annehmen. Gutes Scouting ist dabei wichtig und ersetzt Baggerstunden. Die von Natur aus wellige Oberflächenmodellierung der Hänge des Schwarzenberges hilft hier viel. Die wichtigste Investition leistet der Initiator selbst, in dem er eine Unmenge Zeit und Herzblut in das Projekt steckt. Er kennt das Waldgebiet und seine Bewohner mittlerweile wie kein Zweiter. Klar wird aber auch, es braucht den Erfahrungsaustausch mit Fachleuten für Bau und Betrieb bestehender Strecken, damit Fehler in der Anlage vermieden werden können.

Downhillstrecken hat Robin bereits gebaut, auch während seines Aufenthalts als Ingenieur eines KFZ-Herstellers in den USA. Bei Downhill ist er sich sicher, das er den Ton trifft. Aber am anderen Ende der geplanten Skala soll die Beginnerstrecke stehen, und die muss treffsicher zu den Kriterien von Einsteigern passen, das ist auch ein Ergebnis der Beratungen durch das DIMB Legalize Programm. Streckenbau-Fachberatung ist geboten. Ein Profi ist bereits kontaktiert. Bis dahin läuft nun die Vorbereitung der Korridore für die roten und schwarzen Strecken. Der erste Downhill hat sichtbar Gestalt angenommen. Einer der ersten und treuesten Helfer ist der nun schon 14jährige Jonathan, der über die Bürgerinformation von dem Projekt Wind bekam und der sofort Feuer und Flamme war. Jugend lässt sich begeistern, Jugend packt an, kann man da nur feststellen. Auch der Partner aus dem Vereinsvorstand hat schon viel Engagement in das Projekt gesteckt.

Die vielbeschworene Öffentlichkeitsarbeit in der Mountainbike-Community spielt übrigens bis jetzt kaum eine Rolle. Denn die zahlreichen Helfer für den im August begonnenen Streckenbau konnten größtenteils direkt in der ortsnahen Downhill und Freerideszene angesprochen werden. Als neue Mitglieder des Elstraer Vereins bilden sie den Kristallisationskern für das, was langsam aber sicher weiter wachsen wird, ein funktionierender kleiner Bikepark wie Osternohe, Albstadt, Beerfelden, Andreasberg oder Schulenberg, mit Nutzern und Pflegecrew, mit freiwilligen und festen Kräften, mit Vereins- und natürlich auch kommerziellen Bereichen, letztere werden vor allem Notwendig um einen langfristigen Betrieb sicherzustellen.

Wirft man einen kleinen Stein in stilles Wasser, bilden sich noch lange nachdem man den Stein nicht mehr sieht, Kreise an der Oberfläche. Kleine Kreise wachsen und davon hat man länger etwas, als wenn man große Brocken in tosendes Wasser wirft...

Die Wirkungen einer gut platziert eingeworfenen Idee sieht man nicht ganz so schnell, aber sie kommen. Hier beispielsweise demnächst als Termine mit Ostsächsischen Touristikern und am Radtourismus interessierten Gastronomen der Region. Auch wenn die Baustelle des Black-Mountain-Bikepark nicht solch imposante Optik wie 2014 jene in Schöneck bietet oder auch nicht Anzahl an Trailkilometern wie Rabenberg erzielen wird, er will das Angebot der Region zwischen Dresden, Görlitz und Cottbus nachhaltig bereichern, gesund wachsen und bis Berlin und Leipzig Ausstrahlung entwickeln. Für alle die von weiter her in Richtung des beliebten Singltrek pod Smrkem fahren, kann er voraussichtlich ab Frühjahr 2016 ein gut gelifteter Zwischenstopp mi Autobahnanschluß werden. Von Einsteigern über Allmountain/Enduro bis zum Downhillbiker. Das DIMB Legalize Programm wird weiterhin als Ansprechpartner bei der Projektumsetzung zur Verfügung stehen, quasi beim finden des Strategie-Singletrails. Gleichzeitig werden wir versuchen, von diesem sehr interessanten Projekt zu lernen. Denn jede neue Strategie muss so zum Ort und dem Akteuren passen, dass sie möglichst weit ohne Hilfe von außen kommen.

Text und Bilder: Uwe Buchholz